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05. Juni 2026

Eine kurze Geschichte des Strickens (1. Teil)


Heute erwartet euch wieder ein etwas anderer Blogbeitrag: Anstelle des gewohnten Blicks auf aktuelle Garne, Trends und Modelle reisen wir (Anna & Leonie) mit euch zurück in die Vergangenheit zu den Anfängen des Strickens! Die Geschichte des Strickens geht weit zurück, aber das Einordnen der allerersten gefundenen Stücke ist gar nicht so einfach, wie man meint. Woran das liegt, wie sich das Stricken weiterentwickelte und mit welchen Modellen ihr auf den Pfaden der Strickgeschichte wandeln könnt, lest ihr in unserem ersten Teil der Strickgeschichte! Auch hier gilt wieder: wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, der Beitrag dient primär der Unterhaltung und ist nicht wissenschaftlich fundiert. Falls ihr einen groben Fehler findet, sind wir natürlich froh über eine Rückmeldung.

Das abgebildete Buch ist eine unserer Informationsquellen und auf jeden Fall eine Empfehlung, falls euch das Thema interessiert. Das Strickstück ist nach der Anleitung von Purl Soho gefertigt - auf Nadeln, die es früher so definitiv noch nicht gab. 

Stricken ist als Hobby gerade richtig im Trend, bekommt aber gerne mal den Stempel «Oma-Hobby» aufgedrückt - dabei geht die Geschichte des Strickens noch viel weiter zurück als nur über zwei oder drei Generationen. Mit unserer Reise in die Vergangenheit, beginnen wir am besten ganz von vorne: Bevor mit mehreren Nadeln und Faden hantiert wurde, war Nålebinding am Start. Dieser Vorgänger vom Stricken war unter anderem auch als Naalbidnding bekannt, was, wie das Wort bereits andeutet, «Nadel-binden» heisst. Hierbei wurde nur eine Nadel verwendet, die mit einem Öhr versehen war. Mit Hilfe dieser Nadel wurden Fadenstücke immer wieder mit sich selbst verschlungen, was am Schluss ein Stück Textil ergibt. Dieses hat meist eine dichtere Struktur (kann dadurch auch nicht wie unsere Strickprojekte einfach wieder geöffnet werden), es gab aber auch hier verschiedene Stiche, für verschiedene Muster und Maschenbilder und es war auch möglich, lockere,  netzartige Stoffe herzustellen. 

Da nicht jede Archäologin bzw. jeder Archäologe sich auch beim Stricken auskennt, wurden gefundene Textilfragmente wie das aus Dura-Europos im heutigen Syrien (Bild unten), das auf die Zeit von 200–256 nach Christus datiert wird, zunächst als Strickstücke klassifiziert, tatsächlich ist es aber nadelgebunden. Das gilt auch für diese Socken aus dem 4. – 5. Jahrhundert nach Christus, die sich heute im Londoner Victoria & Albert Museum befinden. Zugegebenermassen wird erst bei genauerem Hinschauen klar, dass das Maschenbild anders ist als beim Stricken - kein Wunder also, dass es hier zu Verwechslungen kam! Die nadelgebundenen Socken stammen aus Ägypten und waren vermutlich eine Grabbeigabe. Über die seltsame Form wurde viel spekuliert, eine Vermutung ist, dass die Unterteilung bei den Zehen gemacht wurde, um mit den Socken Sandalen tragen zu können. 

Während man die Socken in dieser Form wohl nicht unbedingt nacharbeiten möchte, hat das Muster des Fragments aus Dura-Europos durchaus seinen Reiz und wurde als Strickmuster neu interpretiert, z.B. bei diesem Schal von Purl Soho, dessen Muster auch wir ausprobiert haben. Achtung: man muss verschränkte Maschen mögen, denn diese werden (um die Optik des Nadelbindens nachzuahmen) in grosser Zahl gestrickt!

Knit Textile Fragment  / Yale-French Excavations at Dura-Europos 

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass archäologische Funde rund ums Stricken eher rar sind und so auch der wirkliche Ursprung des Strickens unklar bleibt. Dadurch, dass unsere Vorfahren mit komplett biologisch abbaubaren Materialien gearbeitet haben (die ältesten Funde sind aus Baumwolle), konnten – anders als z.B. bei Gegenständen aus Ton – nur wenige erhaltene Stücke gefunden werden. Das älteste Strickstück, bei dem man sicher ist, dass es gestrickt (und nicht nadelgebunden) ist, ist ein in Ägypten entdecktes Fragment, bei dem es sich vermutlich um Socken handelt. Die dort verwendeten Techniken (Einstrickmuster, Stricken in Runden, Ansätze einer Fersenkonstruktion) lassen deutlich erkennen, dass diesem Stück (das auf das 11.-13. Jh datiert wird) schon viel Erfahrung vorausgegangen sein muss.

Die tatsächlichen Anfänge des Strickens bleiben also im Dunkeln, man vermutet anhand der Fundorte und der Motive, dass die Anfänge des Strickens im mittleren Osten lagen und die Technik dann von den Mauren und Arabern aus Nordafrika nach Spanien gebracht wurde. Dort beschäftigte das Königshaus eine grosse Zahl muslimischer Stricker (wohl tatsächlich hauptsächlich Männer) die feine Handschuhe und Strümpfe aus Seide herstellten. Die seidenen Strümpfe waren unter den Adligen (nicht nur in Spanien) äusserst beliebt und wurden zu einer gefragten Handelsware, die von Spanien bis nach England exportiert wurde.


In England selber fertigte man keine feinen Seidensocken, sondern robuste Gegenstände wie Wollmützen und -socken. Viele Strümpfe wurden in Heimarbeit von Bauersfamilien gestrickt und nicht nur innerhalb Englands verkauft, sondern auch ins europäische Ausland geliefert. Der Handel mit den Strickwaren florierte und es wurde munter importiert und exportiert. Um die heimische Produktion zu schützen, erliess Queen Elizabeth I im Jahr 1571 ein Gesetz, welches das Tragen einer in England hergestellten Mütze, an Sonntagen und Feiertagen zur Pflicht erklärte. Wer sich nicht an dieses Gesetz hielt, konnte gebüsst werden (ausgenommen von dieser Pflicht waren Kinder, Frauen und Adlige). Typisch für diese Zeit waren sogenannte Monmouth Mützen, die in Wales von hauptsächlich männlichen Strickern hergestellt wurden. Diese Mützen wurden von unten nach oben gestrickt und haben ein doppeltes Bündchen, für das nachträglich Maschen aufgenommen und dann mit der Anschlagskante zusammengenäht werden. Extra-warm und wasserabweisend wurden die Mützen durchs Filzen (auf Ravelry findet ihr eine stichwortartige, englische Anleitung zum Stricken einer solchen Mütze, den Link findet ihr unten). Die Königin erliess den Caps Act (also das Mützengesetz) um die einheimischen Handstricker zu schützen, tatsächlich verpasste England dadurch fast den Anschluss an neue Erfindungen. Im Jahre 1597 wurde der Caps Act wieder aufgelöst, denn es war unmöglich, Produkte von anderen Herstellungsstätten weiterhin zu unterdrücken. 

Der technische Fortschritt stand in Form von sogenannten Strumpfwirkern vor der Türe… damit geht es in einigen Wochen im 2. Teil dann weiter – dann werfen wir auch einen genaueren Blick auf das Stricken (oder Lisme) in der Schweiz!
Wer sich die Wartezeit mit historischen Mustern und Inspirationen vertreiben möchte, wird z.B. hier fündig: 

eine authentische Monmouth Cap könnt ihr nach dieser Anleitung stricken: 
Monmouth Cap, the details matter! von Colleen Humphreys- kostenlose englische Anleitung/ Beschreibung via Ravelry 

feine Seidenstrümpfe, wie sie der europäische Adel trug (für sehr geduldige Stricker*innen): 
Josette Silk Stockings von Wendy McDonnell - englische Anleitung via Ravelry 

Wer sich gerne am Nadelbinden probieren möchte, findet hier vielfältige Informationen zum Thema, auf Insta könnt ihr dem Nadelbinder Pascal folgen, der das alte Handwerk an Märkten aufleben lässt.  


Quellen: 

About nalbinding. Nalbinding Handbook. (2025, August 27). https://nalbinding.net/about-nalbinding/ Deridre, Morgan, J., Forner, E., Sackett, S., & D, J. (2024, October 12). 

The history of knitting: Origins of our wonderful knitting history. Knit Like Granny. https://knitlikegranny.com/knitting-history/ Drolshagen, E. D., & Behm, M. (2023). Zwei Rechts, Zwei links geschichten vom stricken Ebba D. Drolshagen; MIT einem Vorwort von Martina Behm. 1. Auflage 2017, Suhrkamp. 

The history of hand-knitting· V&A. Victoria and Albert Museum. (2024, April 17). https://www.vam.ac.uk/articles/the-history-of-hand-knitting 

HiyaHiya Euope. (n.d.). Wholesale Knitting & Crochet. HiyaHiya Europe. https://hiyahiya-europe.com/ Nadelbinden. 

UlrikeClassenBuettner.de. (n.d.). https://ulrikeclassenbuettner.de/historische-textiltechniken/nadelbinden/was-ist-nadelbinden/ 

Bild:

Knit Textile Fragment,  Yale-French Excavations at Dura-Europo. https://artgallery.yale.edu/collections/objects/5962#technical-metadata