Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen
Riesengrosse Auswahl an Garnen & Zubehör
versandkostenfreie Lieferung ab CHF 75

Von Strickmaschinen & Seidenstrümpfen



Vor einigen Wochen haben wir uns an dieser Stelle mit den Ursprüngen des Strickens beschäftigt und schon eine Fortsetzung angekündigt – und hier ist sie nun! Im heutigen zweiten Teil nehmen wir (Leonie & Anna) euch mit ins England des 16./17. Jahrhunderts, also in die Zeit von Königin Elizabeth I., von Shakespeare und auch von William Lee, den wir heute kennenlernen. Unser letzter Beitrag endete mit britischen Wollmützen und einem Gesetz, das zum Schutz der Handstricker erlassen und Ende des 16. Jahrhunderts wieder aufgehoben wurde, um dem technischen Fortschritt Einzug zu gewähren. Und genau dort geht es nun weiter mit unserer Reise durch die Geschichte des Strickens (wie immer primär der Unterhaltung dienend und ohne Anspruch auf Vollständigkeit). 

Auch in Shakespeares Stücken kommen Seidenstrümpfe vor: " “Or to take note how many pair of silk stockings thou hast—with these, and those that were thy peach-colored ones…” ( William Shakespeare, The Second Part of King Henry IV, 2. Akt, 2. Szene, um 1597/98) 

Der europäische Adel des 16. Jahrhunderts liebte fein gestrickte Seidenstrümpfe, die als Zeichen für Wohlstand und gesellschaftlichem Rang galten. Die damalige Männermode mit kurz geschnittenen Hosen liess die Strümpfe so richtig zur Geltung kommen, bei Frauen verschwanden diese meistens unter den ausladenden Röcken. Das galt auch für die Strümpfe von Queen Elizabeth, aber auch wenn man diese nicht sah: es wird erzählt, dass sie keine anderen Strümpfe mehr tragen wollte, nachdem sie ihr erstes Paar Seidenstrümpfe bekommen hatte. Diese feinen Strümpfe wurden zunächst zum Beispiel aus Spanien importiert, dann aber zunehmend auch in England hergestellt. Dort gab es bereits eine etablierte Handstrickindustrie mit vielen Personen, die in Heimarbeit Wollstrümpfe und andere Kleidungsstücke strickten. Das Handstricken dieser Stücke war zeitaufwändig (das wissen wir Strickerinnen ja nur zu gut!), besonders wenn es sich um so feine Stücke handelte.

Der stocking frame von William Lee

Der Legende nach, fand auch William Lee, dass seine Verlobte ihrer Strickarbeit zu viel Aufmerksamkeit schenkte und ihn selber dadurch zu wenig beachtete. Das soll ihn dazu veranlasst haben, nach einer Möglichkeit zu suchen, den manuellen Strickvorgang zu mechanisieren, um so wieder die volle Aufmerksamkeit seiner Verlobten zu bekommen. Das ist natürliche eine lustige Geschichte, aber wahr ist sie vermutlich nicht. Wahrscheinlicher ist, dass es Lee nicht nur um sein persönliches Liebesglück ging, sondern dass er das wirtschaftliche Potential der Seidenstrumpfproduktion erkannte. Dieses könnte mit einer maschinellen, schnelleren Produktion besser ausgeschöpft werden als mit dem Sockenstricken in Heimarbeit. Egal welche Geschichte man bevorzugt, es steht fest, dass Lees Erfindung für seine Zeit revolutionär war.


Sein stocking frame (auf Deutsch Strumpfwirkstuhl oder Strickrahmen genannt) imitierte die Bewegungen des Handstrickens und die Nadelform erweiterte er mit einer häkchen-ähnlichen Struktur, sogenannten Bartnadeln, die den Faden hielten. Anfangs konnten damit nur relativ grobe Stücke gestrickt werden, mit 8 Häkchen pro inch (also auf 2,5 cm). Wenn wir davon ausgehen, dass ein Häkchen einer Masche entspricht, gäbe dies eine Maschenprobe von 32 Maschen auf 10cm – das klingt für uns jetzt erstmal gar nicht nach einem groben Strickstück. Denkt man aber an Feinheit der Seidenstrümpfe, konnte man mit dieser ersten Version der Maschine noch nicht mithalten.

Lee's knitting frame, 1867, aus W. Felkin, A History of the Machine-Wrought Hosiery and Lace Manufacturers, Wikimedia Commons, CC0.
Das soll auch der Grund dafür gewesen sein, dass sich Königin Elizabeth von der Erfindung nicht überzeugen liess und Lee kein Patent gewährte. Schliesslich galt ihre Liebe ja den feinen Seidenstrümpfen und nicht den gröberen Wollsocken. Lees Strickmaschine zog jedoch von anderer Seite Aufmerksamkeit auf sich, beispielsweise von einem Textilhändler namens Lord Hudson. Vermutlich mit finanzieller Unterstützung dieses Lords konnte Lee seine Erfindung weiterentwickeln und öffnete damit auch die Tür für feine Materialien wie Seide. Dank einer höheren Nadeldichte (ungefähr 20 Bartnadeln pro 2.5cm, also 80 Bartnadeln auf 10cm) konnten bald feine Strickwaren hergestellt werden. Die Königin jedoch wollte Lees Erfindung weiterhin kein Patent gewähren. Das lag vermutlich weniger an der Qualität der Strümpfe, sondern vielmehr daran, dass die Queen den Menschen, die durchs Handstricken ihren Lebensunterhalt bestritten, die Arbeit nicht wegnehmen und dadurch soziale Unruhen riskieren wollte. 

Mit der Hoffnung, dass er dort mehr Erfolg haben könnte, machte sich William Lee 1609 auf den Weg nach Frankreich, in Begleitung von seinem Bruder, Arbeitern (sogenannten Strickwirkern, die sich auf die Arbeit an der Maschine spezialisiert hatten) und natürlich einiger Strickrahmen. Heinrich IV zeigte Interessen an der Erfindung und unterstütze Lee beim Aufbau einer Strumpfindustrie in Rouen. Lee sollte nicht nur Maschinen liefern und Strümpfe produzieren, er sollte auch die Arbeiter in die Bedienung der Maschinen einweisen und die Manufaktur durch die Ausbildung von Lehrlingen erweitern. Dann jedoch machte die Politik ihm einen Strich durch die Rechnung: Nach der Ermordung von Heinrich IV im Jahr 1610 war die Zeit von religiöser Freiheit und Unterstützung neuer Erfinder in Frankreich vorbei. Nachdem Lee seinen Förderer verloren hatte, ging er nach Paris, um sich die französische Staatsbürgerschaft und die Weiterführung seiner Arbeit zu sichern. Das gelang ihm jedoch nicht und einige Jahre später starb William Lee (manche Erzählungen schreiben seinen Tod einem gebrochenen Herzen vor Enttäuschung über die Erfolglosigkeit in Frankreich zu, das ist natürlich nicht gesichert!).

Lees Bruder James, welcher ihn auf der Reise bisher begleitet hatte, ging zurück nach England und schloss sich mit einem ehemaligen Lehrling von Lee zusammen. Dieser Lehrling war mit einem Strickrahmen in Nottinghamshire zurückgeblieben und hatte diesen in der Zwischenzeit weiterentwickelt. In Mittelengland trafen die Strickwirker und ihre Maschine auf ein passendes Umfeld - dort lag nämlich nicht wie in London der Fokus auf Seide, sondern auf «worsted wool», die mit der Maschine gut verarbeitet werden konnte. Dies führte zur Ausbreitung und stetiger Weiterentwicklung des Strickrahmens, beispielsweise mit der Option Rippenmuster einbauen zu können. William Lee hat das leider nicht mehr miterlebt, dennoch ist wichtig zu erwähnen, dass seine Erfindung bis heute als eine der wichtigsten in der Textilindustrie gilt.

The Stocking-Frame and other Apparatus used in the Manufactory, 1763, aus A new and complete dictionary of arts and sciences, London, W. Owen, 1763–1764. Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla / Wikimedia Commons, CC BY 2.0.
Stricken als Einnahmequelle

Die maschinelle Produktion von Strickwaren durch Strickwirker ersetzte das Handstricken glücklicherweise aber nicht, vielmehr existierten die beiden verschiedenen Herstellungsweisen über 250 Jahre Seite an Seite. Auf den Strickmaschinen war es zwar möglich, schnell zu produzieren und dem Strickstück eine gewisse Form zu verleihen, das Stricken von Runden war lange nicht möglich, sodass die Strümpfe am Ende noch zusammengenäht werden mussten. Hier bleiben die handgestrickten Strümpfe im Vorteil. Das Stricken in Heimarbeit war in England und auch in anderen Regionen Europas für viele Menschen eine wichtige Einnahmequelle, die einen wesentlichen Teil des Familieneinkommens darstellte. Oft wurde es von Frauen und Mädchen ausgeführt – aber nicht ausschliesslich! Besonders in Regionen, in denen die Handstrickerei sehr verbreitet war, strickten auch Männer und Jungen. 

Dabei kann man das Stricken als Heimarbeit aber nicht mit unserem gemütlichen Stricken abends auf dem Sofa gleichsetzen – es war harte Arbeit! Wenn immer möglich, wurde neben allen anderen Pflichten (und anderer Arbeit) für den Nebenverdienst gestrickt. In den ärmsten Familien Englands hiess dies auch, dass Kinder ab dem Alter von 3 oder 4 Jahren stricken lernen mussten. Aus heutiger Sicht unglaublich, denn wir würden wohl sagen, dass bei Kleinkindern die feinmotorischen Fähigkeiten noch nicht weit genug entwickelt sind, um angenehm stricken zu können. Auch die damals benutzen Nadeln kann man nicht mit unserem heutigen Werkzeug vergleichen. Ergonomisch geformte Nadelspitzen gab es ganz bestimmt noch nicht und das Stricken konnte nicht einfach nach Lust und Laune unterbrochen werden…

Rund ums Heimstricken entstand ein grosses Netz von Zwischenhändlern und Kaufleuten: Der Händler lieferte das Garn und später leihweise auch Strickmaschinen an die Heimarbeiter*innen und sammelte dann die fertigen Stücke ein. Die Strickerinnen wurden dabei vom Zwischenhändler pro Paar Socken bezahlt, das aber mitunter auch in Form von Alltagsgegenständen und nicht immer auf faire Art und Weise. Kein Wunder also, dass durch diese zum Teil unbefriedigenden Bedingungen auch Ideen kamen, wie man sich das Leben wohl bisschen einfacher machen könnte. Wieso also nicht das gelieferte Garn vom Händler durch ein eigenes, günstigeres ersetzen, dickeres Garn und grössere Nadeln für schnelleres Vorwärtskommen wählen oder beim Spannen das Strickstück so zu ziehen, dass es als eine grössere Grösse durchgeht? Hier griff nun tatsächlich der Staat ein und 1720 wurde ein britisches Gesetz erhoben, das genau definierte, wie Strümpfe auszusehen hätten: sie sollten frei von losen Schlingen und Löchern und gleichmässig gearbeitet sein. Auch die Masse für Frauen-, Männer und Kindersocken wurden klar definiert. Die Tatsache, dass ein solches Gesetz erlassen wird, lässt die Bedeutung dieses Produktionszweigs erahnen. Und obwohl die Arbeit in den eigenen vier Wänden stattfand, war es doch keine private Tätigkeit – sondern vielmehr eine Art home office – bei dem die ganze Familie mitarbeitet! Spannend fanden wir übrigens, dass Kinder zum Teil als Erziehungsmassnahme zum Stricken verdonnert wurden. Ob das pädagogisch wert- und sinnvoll ist? Hier werden wir einsetzen, wenn wir in einigen Wochen die Geschichte des Strickens weiterverfolgen, denn sie ist natürlich noch lange nicht zu Ende erzählt! 


Vielleicht möchtet ihr euch in der Zwischenzeit auch ein paar seidene Strümpfe stricken? Mit Merida von Lamana gibt es ein Garn, das zumindest einen kleinen Anteil an Seide hat (25%) und wenn auch das Muster an alte Zeiten erinnern soll, schaut euch gerne die Eleanora's Stockings auf Ravelry an. So fein wie die Seidensocken aus den Zeiten von William Lee, werden unsere Socken aber natürlich nicht! 

Quellen:

https://www.britannica.com/biography/William-Lee

https://historyofinformation.com/detail.php?entryid=3634 

https://handwiki.org/wiki/History:Stocking_frame further info William Lee and His Knitting Machine 

R.L. Hills Mottram-in-Longendale, Hyde, Cheshire, England Received 14.7.1989 Accepted for publication 24.7.1989 

Drolshagen, zwei rechts, zwei links