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21. Februar 2026

Futter fürs Gehirn


Statt der gewohnten Strickinspiration gibt es heute einen kleinen Einblick in die Psychologie des Strickens - ohne Gewähr auf Vollständigkeit und Objektivität, denn natürlich wollen wir vor allem hören, welche guten Seiten das Stricken so hat! Leonie* aus unserem Team hat euch dazu ein paar Studien und Erkenntnisse zusammengestellt und zeigt auf, welche Bereiche unseres Gehirns beim Stricken gebraucht und gestärkt werden. Denn auch wenn Stricken für uns primär Erholung ist - im Gehirn passiert dabei richtig viel! 

Gibt es etwas Schöneres, als wenn nach einem anstrengenden Tag das Strickprojekt, das Sofa und die warme Tasse vom Lieblingstee auf einen wartet? Während die Maschen über die Nadeln gleiten, wird der Kopf ruhiger und die Gedanken verlangsamen sich. Was viele Stricker*innen aus eigener Erfahrung kennen, wird inzwischen auch von der Wissenschaft aufgegriffen. Zeit also, einen Blick darauf zu werfen, was die Forschung uns so übers Stricken erzählen kann.

Unser Strickprojekt ist für uns Stricker*innen von enormer Wichtigkeit. In einer Studie wurde angegben, dass das Strickprojekt wie eine Person sei, die hilft nach einem stressigen Ereignis wieder zur Ruhe zu finden. Also ein bester Freund, den man fast überall hin mitnehmen kann, der einfach für einen da ist und praktischerweise keine Ratschläge gibt, die man in diesem Moment gar nicht hören will. Stricken wird in dieser Studie als sichere Beschäftigung beschrieben, die einen grossen Einfluss auf das eigene Wohlbefinden hat. Ausserdem konnte in derselben Studie auch gezeigt werden, dass es sinnvoll sei, mehrere Strickprojekte in Arbeit zu haben. Denn wer nach Gefühl entscheiden kann, nach welchem Projekt ihm heute ist, profitiert besonders stark von den gesundheitsfördernden Wirkungen vom Stricken. Die positive Wahl, also die Auswahl aus verschiedenen Optionen, die alle Freude bereiten, ist dabei besonders bedeutsam. 

Ein Hobby zu haben, das eine freudige Beschäftigung bringt,  hat einen grossen Effekt auf den Lebenssinn, den Personen verspüren, und auch auf das subjektive und allgemeine Wohlbefinden. Theoretisch können diese Aspekte aber auch ins Negative kippen, wenn so viel gestrickt wird, dass ein Ungleichgewicht entsteht - andere Tätigkeiten also keinen Platz mehr finden. Was auch nicht immer nur angenehm ist, sind Herausforderungen, die manche Projekte so mit sich bringen:  Hierbei, so sagen Studien, sei es wichtig, nicht in der Frustration aufzugeben, denn genau solche Schwierigkeiten fördern die Lösungsfähigkeiten. Diese Form von Stimulation ist also wichtig, um das Gehirn aktiv zu halten. Viele Stricker*innen geben an, bewusst immer schwierigere Projekte zu wählen, damit sie weiterhin in den vollständig absorbierenden Flow-Zustand kommen und somit die Welt um sich herum vergessen können
Kein Wunder also, dass Stricken häufig im therapeutischen Rahmen eingesetzt wird. Beispielsweise zeigt eine Studie aus Kanada, dass bei der Behandlung von Essstörungen Stricken eine grosse Hilfe sein kann. Dies vor allem bei Ängsten, die in diesem Zusammenhang auftauchen. Es bietet eine Ablenkung und hat gleichzeitig einen beruhigenden Effekt. Diese positiven Veränderungen wurden bei 74% der Teilnehmer*innen gefunden und damit erklärt, dass das Stricken eine Art Meditation sei und zu mehr Achtsamkeit führe.

Uns Stricker*innen freut es natürlich zu hören, dass unser liebstes Hobby so viele Vorteile für die Psyche haben kann! Aber was passiert da genau im Gehirn, wenn wir stricken? 

Stricken ist eine bilaterale und visopatische Aktivität. Bilateral heisst, dass beide Gehirnhälften genutzt werden und somit das Verbindungsglied der beiden, der Corpus Callosum (Bild unten), ganz eifrig am Informationen weitergeben ist. Mit visopatisch ist gemeint, dass sowohl motorische wie auch visuelle Fähigkeiten notwendig sind. Dafür braucht es die Zusammerbeit vieler verschiedener Hirngebiete - wie auf Abbildung 1 zu sehen ist. Insgesamt ist Stricken also eine kognitiv hochstehende Aufgabe, die für die mentale Fitness super ist und das visuell-räumliche Vorstellungsvermögen fördert.

Aufgaben, die das Gehirn bilateral aktivieren, helfen mit Angst und Stress umzugehen. Nicht nur ist der emotional wahrgenommene Stress kleiner, sondern auch der gemessene Cortisolwert (Stresshormon) ist nach einer solch stimulierenden Aufgabe tiefer. Mit nur schon einmal Stricken in der Woche, hat man bereits einen (positiven) Effekt auf die Herzfrequenz. 

Das Ausüben von kreativen Aktivitäten führt ausserdem zu einer besseren emotionalen Verarbeitung. Es werden neuronale Netzwerke (mehrere Nervenzellen, die miteinander arbeiten) aktiviert, die mit adaptiver emotionaler Regulation (= positivem Coping) verbunden werden. Der mediale präfrontale Cortex ist dabei der Teil des Gehirns, der sowohl beim Stricken als auch beim Umgang mit Gefühlen aktiv ist. Die Amygdala (Abbildung 2), die in der emotionalen Bewertung eine grosse Rolle spielt, beteiligt sich ebenfalls an kreativen Tätigkeiten. Zwischen diesen zentralen Hirnstrukturen kommt es durch die Stimulation zu einer höheren funktionellen Konnektivität. Funktionelle Konnektivität beschreibt die Zusammenarbeit zwischen Hirnarealen, die anatomisch, also strukturell, nicht miteinander verbunden sind, aber durch verschiedene Aktivierungsmuster miteinander kommunizieren. Das positive Resultat davon ist, dass die Hirnaktivität besser koordiniert ist. Zusammenfassend wurde festgestellt, dass durch diese Aktivierung eine Verbesserung in der emotionalen Intelligenz, der Verarbeitung und Resilienz aufgebaut werden könnte. Hierbei besteht aber noch weiterer Forschungsbedarf. 

Ebenfalls kommt es bei der Hirnaktivierung vom Stricken zu einer Ausschüttung von den Glückshormonen Serotonin und Dopamin. Das erklärt bestens, wieso wir uns so gut fühlen, wenn wir Stricken können. Serotonin macht, dass wir ruhig und zufrieden werden und das Dopamin agiert als Motivator. Logischerweise möchte man diesen Zustand so häufig wie möglich erreichen. Offenbar kann es aber auch zu einem Übermass kommen. Wenn es kippt, ist der physiologische Zustand im Gehirn ähnlich wie bei einer Sucht. In Studien haben diverse Versuchspersonen gemeint, sie seien eigentlich süchtig nach Stricken. Es wird zwar noch darüber spekuliert, ob es eine «Stricksucht» auch wirklich gibt, aber es gibt Hinweise auf Veränderungen in der Hirnstruktur, die einem Suchtzustand ähnlich sind. Griffiths, ein Spezialist in diesem Gebiet, argumentiert aber, dass falls es effektiv zu einer Stricksucht käme, dies eine positive und konstruktive Sucht sei, die helfen könne, andere negative Copingstrategien zu vermindern. Zudem ist die Ausschüttung der Neurotransmitter stabil und nicht explosiv, wie es bei einem klassischen Suchtmittel der Fall wäre. Das heisst auch, dass kein so starkes Tief entsteht, wenn die Botenstoffe langsam abgebaut werden. Was auch hinzu kommt, ist, dass beim Stricken die Selbstwirksamkeit gefördert und somit unser Gefühl für Kompetenz gestärkt wird. 

Jetzt wissen wir, wieso das Vorhaben «nur noch eine Runde» eigentlich gar nicht funktionieren kann. Da aber alles so positiv ist, können wir ganz beruhigt weiterstricken ... 

*Leonie ist seit Sommer 2025 Teil des Strickcafé-Teams und unter anderem für Social Media zuständig. Ihr findet sie und ihre Strickprojekte regemässig auf unserem Instagram-Account! Dort gibt es auch ihre Hündin Eny zu sehen, die sich ebenfalls sehr für Wolle interessiert. Leonie studiert Psychologie und liebt neben Wolle auch Bücher sehr! 




Quellenangaben: 

Barnett, K. S., & Vasiu, F. (2024). How the arts heal: A review of the neural mechanisms behind the therapeutic effects of creative arts on mental and physical health. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 18. https://doi.org/10.3389/fnbeh.2024.1422361 

Clave-Brule, M., Mazloum, A., Park, R. J., Harbottle, E. J., & Birmingham, C. L. (2009). Managing anxiety in eating disorders with knitting. Eating and Weight Disorders - Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity, 14(1), e1–e5. https://doi.org/10.1007/BF03354620 

Croghan, C. (2013). Knitting is the new yoga? Comparing techniques; physiological and psychological. Griffiths, M. (2017, Januar 26). Excessive knitting and addiction Psychology Today, https://www.psychologytoday.com/us/blog/in-excess/201701/excessive-knitting-and-addiction 

Abbildungen: Images provided by Servier Medical Art (https://smart.servier.com), licensed under CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).

Leal-Junior, E. C. P., Casalechi, H. L., Machado, C. dos S. M., Serin, A., Hageman, N. S., & Johnson, D. S. (2019). A triple-blind, placebo-controlled randomized trial of the effect of bilateral alternating somatosensory stimulation on reducing stress-related cortisol and anxiety during and after the trier social stress test. Journal of Biotechnology and Biomedical Science, 2(1), 22–30. https://doi.org/10.14302/issn.2576-6694.jbbs-19-2784 

Nordstrand, J., Birgitta Gunnarsson, A., & Häggblom-Kronlöf, G. (2024). Promoting health through yarncraft: Experiences of an online knitting group living with mental illness. Journal of Occupational Science, 31(3), 504–515. https://doi.org/10.1080/14427591.2023.2292281